DIE GESCHICHTE DAHINTER

Es war ein Samstag im Frühjahr, ein wunderbarer Tag mit dem ersten richtig geilen blauen Himmel. Meine Frau und ich haben uns entschieden, die erste Ausfahrt mit unserem mittlerweile volljährigen kleinen Cabrio zu unternehmen. Einfach wunderschön, wieder das Dach aufzumachen und die vorbeiziehende Natur zu genießen.

Unser Weg führte uns über den Gerlospass an den „Krimmler Wasserfällen“ vorbei nach Zell am See. Wunderbare Strecke, wunderbares Wetter und wunderbare Beifahrerin. Was will der Mensch noch mehr. In Zell am See angekommen machten wir einen kurzen Spaziergang durch die Fußgängerzone, schlenderten an den zahlreichen Geschäften vorbei oder, wenn man mit „Frau“ unterwegs ist, in zahlreiche Geschäfte hinein. „Frau“ braucht zwar nichts, aber „Frau“ muss doch mal schauen.

Am Hauptplatz angekommen entdeckten wir ein kleines Geschäft mit sehr schönen und ausgefallenen Schuhen und Klamotten. Da meine Frau einen Hang zu coolen Schuhen hat, führte natürlich kein Weg daran vorbei. Im Geschäft war ein sehr hektisches Treiben mit vielen Schachteln. Wir fragten, ob wir uns etwas umschauen könnten, da unser Interesse an den Schuhen schon sehr konkret war. Es kam uns eine sehr heftige und unerwartet unhöfliche Antwort entgegen.

In einem sehr scharfen, ganz knappen Ton: „Ja, aber wir sind am Packen“. Die Dame drehte sich danach um und würdigte uns keines Blickes mehr. Sehr überrascht und verwundert verließen wir den Laden und setzten uns gemütlich in ein gegenüber liegendes Restaurant, um eine Kleinigkeit zu essen. Eigentlich keine Art mit Kunden umzugehen. Wir haben uns dann gefragt, was denn so ein Verhalten auslösen könnte?

Während wir dann eine Kleinigkeit aßen, wurde uns einiges klar. Die Dame, die augenscheinlich die Besitzerin des Ladens war, verließ diesen und ging zweimal an uns vorbei und wir erkannten, dass sie Tränen in den Augen hatte. Sie musste ihren Laden schließen!

Wenn man versucht, sich dann in die Situation der Dame zu versetzen, versteht man vieles. Sie hatte mit Sicherheit die Vision und das Ziel von ihrem eigenen Laden, sie hat dafür gekämpft, gearbeitet, alles gegeben und doch hat es nicht gereicht. Vielleicht der falsche Standort, vielleicht die falsche Wahl des Sortiments, vielleicht einfach ihrer Zeit voraus oder vielleicht ein zu kleines finanzielles Polster.

Es gibt so viele Möglichkeiten warum ein Laden nicht läuft, auch wenn man sein Bestes gegeben hat. Und das, an das man mit aller Kraft geglaubt hat und in das man wahrscheinlich über lange Zeit all seine Kraft investiert hat, aufzugeben, ist mit Sicherheit wie ein Stich mit einem Messer ins Herz. Dann muss man sich eingestehen, dass man aufgeben muss und im schmerzlichsten Moment, in dem man seine Sachen in Schachteln verpackt, kommen Kunden, die noch was wollen.

Warum kommen die erst jetzt. Jetzt, wo es zu spät ist. Jetzt brauch ich sie auch nicht mehr. Ist aus diesem Gesichtspunkt die Reaktion der Dame nicht zu verstehen? Ich denke schon. Ich habe schon einmal geschrieben, dass jeder Mensch in der Situation, in der er etwas tut, für sich richtig handelt. Ob es nach kurzer Zeit noch richtig ist, sei dahingestellt.

Genauso ist es mit Reaktionen von Menschen auf uns. Jeder hat seinen Grund, jetzt gerade so zu reagieren, wie er es eben tut. Keiner von uns kann erahnen, was in unserem Gegenüber gerade vorgeht. Ob er gerade seinen größten Schmerz durchlebt, er gerade von seinem Partner verlassen wurde, nicht weiß, wie er die Miete bezahlen soll, einen wichtigen Menschen zu Grabe getragen hat, ein Kind schwer krank ist, oder, oder, oder.

Aber was uns einfach klar werden muss, ist, dass es nie etwas mit uns zu tun hat. Wir interpretieren (projizieren) immer alles auf uns selbst, als wäre jeder einzelne von uns der Nabel der Welt. Nein, die Dame war nicht unsympathisch, nein, auch wir waren ihr nicht unsympathisch. Wir haben sie einfach nur in einer der schwersten Situationen in ihrem Leben erwischt. Und wenn man bereit ist, sich die Geschichte dahinter anzusehen, versteht man vieles.

Also tut euch doch den gefallen, fragt euch nicht warum jemand so unfreundlich zu euch ist, fragt euch was dieser Mensch gerade durchlebt, um so zu reagieren.

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.