Ein lieber Freund

Heute habe ich mich selbst in jungen Jahren erlebt, in Person eines lieben Freundes. Ein spannender Moment. Es hat mich so in meine Anfangszeit meiner Selbständigkeit zurückversetzt, dass ich innerlich nur verschmitzt lächeln konnte.

Aber von vorn. Immer wieder, wenn ich die Zeit finde, besuche ich einen Freund der sich in Innsbruck vor drei Jahren selbstständig gemacht hat. Noch recht jung, ungestüm, seinen Platz suchend. In der Regel rufe ich vorher an, um zu fragen ob er da ist und auch Zeit für einen Kaffee findet.

Nun muss man sich folgendes Szenario vorstellen. Während er uns netterweise einen Kaffee macht und anfängt sich mit mir zu unterhalten, schaut er mindestens zwanzig Mal auf sein Handy. Da schon hat man das Gefühl, er steht in einem Raum neben dir. Auch wenn man nachfragt wird man den Eindruck nicht los als schaue er durch dich durch. Nun tragen wir unser Getränk in sein Büro und versuchen eine Unterhaltung zu führen. Na ja, was da als Unterhaltung möglich ist. In den nächsten 20 Minuten macht sich rund 30mal sein Laptop mit einem lauten „Bing“ bemerkbar und steigert seine Unruhe noch mehr, denn das Bedürfnis nach jedem einzelnen „Bing“ nachzusehen was denn da gekommen ist, ist in seinem Gesicht eindeutig lesbar. Auch das Handy hat er weiterhin ununterbrochen im Blickfeld. Zwischen zwei Sätzen beantwortet er WhatsApp`s und Emails. Als er mir nun erläuterte, dass er gestern wieder erst um 3 Uhr morgens vom Büro nach Hause gekommen ist, wurde mir klar, dass dieser Kerl auf dem besten Weg in Richtung Burnout ist. Für seine Beziehung ist das ebenso wenig förderlich. Er selbst beteuert, dass er dringend eine Auszeit benötigen würde. Macht es aber nicht. Dasselbe Verhalten, das er mir gegenüber an den Tag legt, hat er allerdings auch bei seinen Kunden. Er hat das Vermögen verloren, sich auf den Kunden zu konzentrieren und einzulassen. Was der Kunde natürlich auch bemerkt. Der Kunde fühlt sich nicht wahr- und ernstgenommen. Und ein Kunde der sich nicht ernstgenommen fühlt, wird kein Käufer werden. Nun ist die wirtschaftliche Situation nicht unbedingt die Beste, und zu allem Überfluss hat er die Fähigkeit verloren, gut und kompetent zu beraten, weil er sich nicht mehr auf seine Kernkompetenz konzentrieren kann.

Mann, ich habe fast das Gefühl als würde ich über mich schreiben und eigentlich ist das auch so, denn vor einigen Jahren ging es mir nicht anders. Bis ich dann einige Dinge verstanden habe.

Auf zwei möchte ich heute eingehen.

Es ist nur eine kurze Zeit möglich sich zu teilen und zu zerreißen. Sich und seine eigenen Bedürfnisse zu missachten. Ich verstehe seinen Stress, das Verlangen alles hinzubekommen. Den Betrieb erfolgreich zu machen. Endlich Geld zu verdienen. Das alles versteh ich. Aber nicht zu jedem Preis. Auch in der heutigen hektischen Zeit ist es nicht nötig als Unternehmer 24 Std. erreichbar zu sein. Es gibt Abende, Wochenenden, einfach Freizeit die jedem von uns zustehen. Aber auch ich hatte lange den Glaubenssatz, immer und überall für jeden da zu sein. Nein, ich bin nicht mehr bereit mein Leben für Geld aufzuopfern.

Ich kann euch da ein konkretes Beispiel nennen, wie man sich das Leben ruinieren kann. Seit einigen Jahren verbringen meine drei Mädchen ihren Sommerurlaub in Südtirol bei Freunden, die ein total nettes Hotel führen. Südtirol ist aus dem Grund super, weil ich an den Wochenenden nachfahren kann. Es gab ein Jahr, an dem ich es beruflich schaffte, schon Donnerstagmittag zu meinen Liebsten zu fahren. Um elf Uhr kam ein Anruf, bei dem ich von vornherein das Gefühl hatte: „geh da nicht ran“. Aber was mach ich, eine Stunde vor Abfahrt. Ich nehme ab. An der anderen Seite der Leitung ein Projektleiter der mir mitteilte, dass sie mir eben eine Baustelle eingestellt haben. Er wisse auch nicht warum, Montag 15 Uhr sei Baubesprechung, da würde ich schon mehr erfahren. Nach Südtirol gefahren bin ich dann doch, aber der Freitag fiel dem erfolglosen Versuch zum Opfer herauszufinden, was da passiert ist. Samstag und Sonntag war ich auch nur körperlich anwesend und meine Frau prophezeite mir, dass sie mich sofort zurückschickt, wenn ich in so einem Zustand noch einmal kommen würde.

Wäre es nicht scheißegal gewesen erst am Montag Früh von der ganzen Sache zu erfahren? Was hätte es geändert? Nichts, ich hätte ein tolles Wochenende mit meiner Familie erlebt. Wer von mir am Freitagabend was Berufliches braucht, kann auch bis Montag warten, denn vor Montag in der Früh kann ich so oder anders nichts machen. Alle meine Partnerfirmen haben am Wochenende geschlossen und man mag es kaum glauben, auch nachts haben sie zu. Ich hatte eine Kundin, die mich am 24.12. anrief, die dringend ein Angebot für eine Terrasse im Frühjahr brauchte.

Aber auch daraus habe ich gelernt.

Der erste Schritt war zu erkennen, dass es Zeiten gibt, in denen ich sowieso nichts bewegen kann. Zu diesen Zeiten habe ich mir ein Ritual angewöhnt. Mein Handy kommt nach Dienstende in mein Büro, wird zum Aufladen angesteckt und bis zum nächsten Arbeitstag nicht mehr in die Hand genommen. Wenn ich nicht da bin, bin ich nicht da und wenn ich frei habe, habe ich frei. Punkt. Eigenartigerweise gebe ich mittlerweile auch alle anderen betrieblichen Gedanken mit meinem Handy im Büro ab. Befreiend! Natürlich, braucht es einige Zeit bis man sich an so ein Ritual gewöhnt und erkennt, dass man nicht das Zentrum der Welt ist. Denn meist ist während deiner Abwesenheit eigenartigerweise nichts, ich meine gar nichts passiert.

Zum zweiten habe ich gelernt, mich mit meinem schlechten Gewissen zu arrangieren. Kennt ihr das, ihr möchtet eure Freizeit mit dem Partner oder der Familie genießen, plötzlich aber kommt dieser Teufel in euch hoch, der euch immer wieder daran erinnert, was ihr denn noch hättet machen sollen. Und plötzlich ist es aus mit dem Genuss, weil man sich immer mit dem Gedanken trägt: „eigentlich hätte ich noch……… sollen“. Das nennt man das „Zweiseiten-Ich“. Nun ist es so, dass es beide Seiten mit dir gut meinen. Die eine Seite gönnt dir deine Freizeit, die andere Seite möchte dich nur wohlwollend daran erinnern, dass da noch was wartet was zu erledigen ist. Was aber sehr gut mit etwas Konsequenz funktioniert, ist die beiden Seiten einen Handel machen zu lassen, der aber unbedingt einzuhalten ist. Wieder ein konkretes Beispiel. Ich habe mir in der Vergangenheit sehr oft meine Wochenenden ruiniert, weil immer im Hintergrund ein nicht geschriebenes Angebot oder eine nicht bearbeitete Rechnung Unfug trieb. Es blieb mir nichts anderes übrig als einen Handel abzuschließen und der Arbeit, die ich noch zu machen hatte, eine fix vereinbarte Zeit zuzuweisen. In der Regel geh ich am Wochenende zwischen 18 und 20 Uhr in mein Büro um derartige Dinge abzuarbeiten. In diesem Zeitraum versäum ich nichts. Doch das wichtigste ist, die restliche Zeit habe ich wirkliche, gedankenfreie Freizeit.

Also, wenn ihr in einer ähnlichen Situation seid wie mein Freund, bitte ich euch, teilt euch eure Arbeit in entsprechende Phasen ein. Nehmt euch euren Freiraum, in dem ihr den Beruf hinter euch lasst. Verbringt Zeit mit Menschen die ihr liebt und die euch guttun. Lacht, lebt, seid aktiv. Auszeit muss nicht bedeuten in ein 5 Sterne Hotel zu müssen. Auszeit kann auch ein Spaziergang mit euren Lieben sein und der kostet nichts. Und somit.

Lass dein Leben wachsen.

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