Lassen's wir gut sein

In unserem ersten Seminar „Lebe mit leichtem Gepäck“ werden wir uns sehr intensiv mit dem Thema Loslassen beschäftigen. Loslassen, was bedeutet das eigentlich? Loslassen hat nichts mit „Aus seinem Leben streichen“ zu tun. Das ist auf keinen Fall möglich, weil alles, was wir je erlebt haben, in unserem Unterbewusstsein gespeichert ist. Es ist nicht möglich etwas Erlebtes zu löschen. Loslassen hat auch nichts mit Verlieren oder besiegt werden zu tun. Loslassen ist in einem Satz das Akzeptieren seiner Vergangenheit und das Gefühl, es einfach sein zu lassen. Was uns dabei sehr helfen kann, ist einen neuen Blickwinkel, eine neue Wertung der Geschehnisse zuzulassen. Warum schreibe ich über dieses Thema? Weil loslassen in meinem Leben eine enorm große Rolle gespielt hat, ich Jahrzehnte brauchte um zu verstehen, und ich mich erst seit diesem Zeitpunkt „frei und glücklich“ fühle.

Der Schlüsselsatz, den mir ein weiser Mann damals mitgegeben hat, war: „Kein Mensch auf der Welt handelt für sich falsch. In dem Moment, in dem jemand etwas tut, ist es für ihn selbst richtig. Ob es Minuten später für ihn noch richtig ist, sei dahingestellt. Aber im Moment des Handelns war das so.“

Ich möchte euch tief in meine eigene Seele blicken lassen, einen Teil meiner Vergangenheit preisgeben und euch einen Eindruck vermitteln, wie ich mit dem Loslassen umgegangen bin.

Alles was ich jetzt erzähle möchte ich so wertfrei wie möglich vermitteln und ich bitte euch, das ebenso zu handhaben.

Meine Mutter wuchs mit drei Geschwistern in einer sehr dominanten und nicht gerade gewaltlosen Erziehung seitens ihrer Mutter, meiner Großmutter, auf. Alle vier Kinder versuchten so schnell wie möglich das Elternhaus zu verlassen. Der Bruder ging sofort nach seiner Lehre nach Hamburg, die kleinste Schwester versuchte auf Saison zu gehen, bis man sie unfreiwillig zurückholte. Meine Mutter lernte sehr jung einen ebenso jungen Mann kennen und heiratete diesen. Ein willkommener Ausweg. Etwa ein Jahr später machte ich meine ersten Schreie. Wie eben so oft bei so jungen Ehen hielt diese nicht und mein Vater verließ die Familie. Das konnte ich immer nachvollziehen, auch nachvollziehen konnte ich die Entscheidung meiner Mutter, mich am Anfang bei meinen Großeltern zu lassen, um sich ein neues Leben aufzubauen. Was ich aber sehr, sehr lange nicht verstehen konnte und bis in meine 40iger mit mir trug ist, dass sie mit einem neuen Mann eine neue Familie gründete und einfach vergaß mich zurückzuholen. Zumal sie nur drei Kilometer entfernt lebte. Sie ließ mich in genau der Erziehung, aus der sie und alle Geschwister geflohen sind. Meine Erziehung war echt nicht einfach, die besten Argumente meiner Großmutter waren der Kochlöffel und der Teppichklopfer. Es war mir immer nur ein Freund erlaubt und der durfte nicht in die Wohnung.

Noch Jahre später versuchte ich meinen Platz in der Familie meiner Mutter zu finden. Es tat aber jedes Mal weh, denn ich spürte einfach immer, dass ich ein Fremdkörper bin und da eigentlich nicht dazugehöre. Auch meiner Großmutter konnte ich nicht verzeihen.

Doch dann kamen genau die Worte dieses weisen Mannes und ich fing an zu verstehen.

Ich fing an zu begreifen, dass das was passiert ist, nicht`s mit mir zu tun hatte. Und ich verstand, dass meine Mutter einen für sie triftigen Grund hatte, so zu handeln. Ich fing an, mir positiv hinterlegte Argumente zu suchen, warum und aus welchen Gründen sie mich bei meinen Großeltern ließ.

Eines Tages überkam mich dann ein Gefühl.

Ich fühlte, ich muss einen Brief schreiben. Und das tat ich dann auch. Ich verfasste einen seitenlangen Brief an meine Mutter. Ohne Anschuldigungen, ohne Vorwürfe und ohne die Aufforderung einer Erklärung. In diesem Brief versuchte ich schlicht und einfach meine Gefühle zu vermitteln, wie ich die ganzen Jahre über empfunden hatte und was es mit mir gemacht hat. Dieser Brief wurde dann adressiert, kuvertiert und abgeschickt. Und ich weiß es noch genau wie heute: in dem Moment, in dem ich meine Gedanken und Gefühle abschickte, konnte ich loslassen und meine Vergangenheit akzeptieren. Es war so wie es war. Es ist Vergangenheit und diese Vergangenheit gehört zu mir. Aber sie hat nicht das Recht meine Gegenwart und Zukunft zu bestimmen.

Auch bemerkte ich, dass ich meine Großmutter loslassen muss und mit ihr Frieden schließen möchte. Sie war mittlerweile verstorben. Ich versuchte einige Male sie auf dem Friedhof zu besuchen und ihr zu verzeihen. Aber immer wieder zog ich unverrichteter Dinge ab, weil ich noch nicht begriffen hatte, dass es nichts zu verzeihen gab. Sie handelte wie sie es für richtig empfand, wie sie es gelernt hatte. Wenn du nicht weißt, dass etwas nicht richtig ist, machst du dann etwas falsch? Als ich das dann begriffen hatte, passierte dasselbe wie bei meiner Mutter: ich schrieb ihr einen Brief und brachte ihn zu ihrem Grab. Als ich den Brief dann zwischen Grabstein und Mauer deponierte, verspürte ich wieder ein ganz intensives Gefühl der Freiheit. Mit den Worten „Oma, lassen wir es gut sein“ verließ ich den Friedhof und dieses Gefühl hält bis heute an.

Ich habe vieles aus meiner Geschichte gelernt. Meiner Art eine Beziehung zu leben, meine Kinder auf ihrem Weg zu begleiten und mein Leben so zu leben wie ich es tue, gründet darauf. Natürlich hätte alles anders sein können, aber wäre ich dann der Mensch der ich heute bin? Wäre mein Leben heute so glücklich und erfüllt wie ich es empfinde?

Eine Textzeile von Unheilig sagt es so treffend in dem Lied „Spiegelbild“:

„Wenn ich heute vor dir steh` und in deine Augen seh`, macht alles einen Sinn, denn ohne deinen Schmerz hätt` ich nicht die Kraft gefunden, so zu sein, wie ich heute bin.“

Wenn dich auch so etwas plagt, dann denk daran, es gab einen Grund „warum“ so gehandelt wurde und es hatte nichts, gar nichts mit dir zu tun. Und somit..

Lass dein Leben wachsen.

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