REDEN

Stell dir vor, du hast unendliche Lust auf Eis. Was machst du? Du gehst zu deiner Eisdiele. Jener Eisdiele, bei der du weißt, dass dir das Eis am besten schmeckt. Wo das Eis genau so schmeckt und in der Qualität produziert wird, wie du es möchtest. Nun stehst du aber nicht vor dem Verkäufer und sagst doch nicht einfach: „Ich hätte gerne Eis.“ Nein, du sagst ihm genau was du möchtest. Denn dir ist klar, dass du kommunizieren musst was du möchtest, um auch genau das zu bekommen. Ohne genau zu artikulieren was du möchtest, wird der Verkäufer dir wahrscheinlich das auf die Tüte geben, was er gerne mag oder im schlimmsten Fall das, was weg muss. Bei Eis ist uns das klar, doch die meisten von uns machen das in ihrer Beziehung nicht.
(Mein Vorschlag: Geht es um Eis, ist uns klar, dass wir deutlich kommunizieren müssen. Doch die meisten von uns machen gerade das in ihrer Beziehung nicht.)

Ich hatte gerade Besuch von einer guten Freundin die an ihrer Beziehung zweifelt. Auf meine Frage was denn nicht passt, sagte sie: „Er ist der perfekte Mann, aber nicht für mich.“ Ich fragte sie, welche Eigenschaften sie denn brauchen würde um mit ihrem Partner glücklich zu sein. Sie zählte sie mir zügig und im Detail auf. Das zeigte mir, dass sie ganz klar weiß, was sie will und braucht. Ich fragte dann weiter, ob sie es ihm schon einmal gesagt habe? Und in diesem Moment schaute sie mich überrascht an. „Nein, so im Detail habe ich das noch nicht gesagt", war die Antwort.

Hey Leute, wir sind doch alle keine Hellseher! Wir erwarten in einer Beziehung immer, dass uns unser Gegenüber blind versteht. Dass uns alle unsere Wünsche von den Augen abgelesen werden. Aber das ist so wie mit dem Eisverkäufer. Wenn wir ihm nicht sagen was wir wollen, werden wir bekommen, was ihm am besten schmeckt. Wir haben schon oft darüber gesprochen, dass jeder Mensch anders ist. Jeder hat aufgrund seines Lebenswegs, seiner Erziehung und seiner Erfahrungen andere Werte, Glaubenssätze und Einstellungen. Jeder ist wie er ist und kann überhaupt nichts dafür, weil er ganz einfach das Produkt seiner Geschichte ist. Seine Werte und sein Fokus kann und darf sich von deinem komplett unterscheiden.

Menschen zu treffen, die ein sehr ähnliches Wertekonstrukt haben wie man selbst, ist eine wahnsinns Fügung. Man empfindet das fast wie eine Seelenverwandtschaft. Wenn für den einen zum Beispiel Sauberkeit eine große Rolle spielt und für den anderen nicht, kann das zu großen Spannungen führen. Aber wie will dir denn der andere entgegenkommen, wenn er gar nicht weiß, dass dich die Socken im Wohnzimmer überaus nerven?

Im konkreten Fall wünscht sich meine Kollegin einen Mann, der die Führung übernimmt. Der ihr das Gefühl gibt, dass sie mit einem „Mann“ zusammen ist. Ein Mann, der so handelt wie er sagt, der ihr das Gefühl gibt, Sicherheit zu finden und sich geborgen zu fühlen. Aber sie hat es noch nie konkret artikuliert. Woher soll er es denn wissen!

Jetzt nehme ich ihn einmal in Schutz. Sie ist eine sehr selbstbewusste Frau. Macht einen sehr starken Eindruck. Woher soll er denn wissen, dass sie eigentlich „den Fels“ in der Brandung sucht und braucht, wenn sie ihm den Eindruck vermittelt, selbst ein Fels zu sein. Des Weiteren hat er ihre vorhergehende Partnerschaft mitbekommen. Eine Partnerschaft mit einem übertrieben dominanten Mann, der aufgrund seines eigenen geringen Selbstwertes und Selbstbewusstseins, sie versucht hat, sie unter Kontrolle zu halten. Der versuchte, ihr jegliche Freiheit zu unterbinden. Vielleicht möchte er das in seinem Verhalten vermeiden und lässt ihr aus diesem Grund jede Entscheidung und Freiheit.

Aber ohne, dass man ihm sagt, was sie sich wünscht, woher soll er es denn wissen?

Also Leute, redet miteinander. Sprecht über eure Wünsche in jedem Bereich eurer Beziehung. Wenn es um Haushalt, Eigenschaften, Verhaltensweisen, Sex und alle anderen Bereiche geht. Ich habe ihr den Rat gegeben, an einem neutralen Ort miteinander Essen zu gehen und ganz in Ruhe, ohne Anschuldigungen, ohne Bewertung und ohne der Aufforderung zur Rechtfertigung ganz in Ruhe zu erzählen, was man sich eigentlich „Wünscht“. Nicht, was man sich erwartet. Es ist aber auch
ungemein wichtig, sein Gegenüber zu fragen, was er sich wünscht.

Ich habe einen Mitarbeiter, der mich eines Tages total überraschte. Er erzählte mir, dass er begonnen hat seine Frau jeden Morgen zu fragen, womit er ihr heute ihren Tag besser machen könne. Sie war anfangs total überfordert mit dieser Frage, ließ sich aber dennoch darauf ein und äußerte ihre Wünsche. Nach einiger Zeit kam dieselbe Frage auch von ihr. Und so wurde ihre Beziehung von beiden Seiten ausgehend immer besser und harmonischer. Wann hast du dir das letzte Mal Gedanken darüber gemacht, was du deinem Partner Gutes tun kannst?

Und das hat nichts damit zu tun, was man ihm kaufen könnte. Leider wird das sehr oft verwechselt. Wann hast du ihm das letzte Mal Blumen mitgebracht und ihm gesagt das du ihn liebst? Wann hast du ihn mit genau dem überrascht, wovon du weißt, dass er oder sie das liebt, obwohl es nicht unbedingt deins ist?

Wenn du dich bemühst, deinem Partner das zu geben was er braucht, wird er, früher oder später das Bedürfnis haben, es dir gleich zu tun. Grundvoraussetzung ist allerdings, dass er weiß was du brauchst, um richtig Glücklich zu sein.

Also redet miteinander, auf einer erwachsenen und wertfreien Ebene. Aber redet.

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