Wieder mal über mich selbst gestolpert

Letztes Wochenende habe ich wieder einmal erlebt, wie leicht man sich doch selbst ein Bein stellen kann ohne dass man es bemerkt. Wie leicht man anderen Menschen plötzlich negative Gefühle entgegen bringt, ohne dass diese etwas dafür können. Allerdings auch, wie schnell man diese stoppen kann, wenn man bereit ist, die Situation aus einer Metaposition zu sehen. Das Bedarf aber den Willen zur Achtsamkeit.

Was ist denn passiert?

Eigentlich dreht es sich um eine Lappalie. Und dennoch habe ich mich eine kurze Zeit darüber geärgert. Bis ich mich selbst an der Nase genommen habe. Denn der Ärger kam ganz allein von mir und das nur, weil ich für mich, eine Situation falsch bewertet habe.

Also. Ich bin Donnerstagmittag mit meiner großen Tochter für ein tolles Wochenende nach Hamburg geflogen. Meine 16-Jährige war noch nie dort und wir freuten uns enorm darauf. So ein typisches Touristenwochenende mit „König der Löwen“, Hafenrundfahrt, Miniaturwunderland, Reeperbahn und nicht zuletzt Shoppingtour. Nach dem Einchecken bemerkten wir, dass wir hintereinander sitzen mussten, was ja für die kurze Flugzeit vollkommen egal war. Im Flieger angekommen sehen wir, dass wir beide einen Fensterplatz hatten. Ich liebe Fensterplätze. Start und Landung vom Fenster aus zu beobachten macht mir richtig Spaß.

Und nun ging mein Gedankenkarussell los.

Der Fensterplatz meiner Tochter war noch frei, da sich die anderen Fluggäste an ihre zugewiesenen Sitze hielten. Auf meinem Platz saß schon ein netter Herr und neben ihm seine Begleitung. Im Bruchteil einer Sekunde habe ich für mich interpretiert, dass es sich nicht lohnen würde, die beiden von ihren Sitzen zu jagen, um ans Fenster zu kommen. Zumal es beim Einsteigen eh immer so hektisch zugeht und ich damit nur Chaos verursache. Für die kurze Flugzeit war es ja egal und vielleicht braucht der nette Herr den Fensterplatz ja mehr als ich. Es gibt ja viele Wege wie man mit Flugangst umgeht. Ich habe da keinerlei böse Absicht gesehen und dachte, dass sie sich nur so hinsetzten um das Boarding nicht unnötig zu verzögern. Das, was ich bei Start und Landung sehen möchte, würde ich auch von meinem Platz aus sehen. Ihr hört ja, noch war alles gut.

Das Flugzeug fuhr zu seiner Startposition und genau in dem Moment, in dem der Pilot durchstartete, öffnete der nette Herr eine Tiroler Tageszeitung, so, dass jegliche Sicht versperrt war. Und dann ging es los in meinem Kopf.

So ein Idiot. Sitzt auf meinem Platz und sieht nicht einmal aus dem Fenster. Wie kann er nur! Jetzt bin ich so nett und überlasse ihm meinen Sitz und er liest Zeitung. Er könnte den Platz schon schätzen, ich habe ihn ja aufgegeben, für ihn. Zumal er mir, mit seiner Zeitung, auch noch jegliche Möglichkeit nahm, etwas zu sehen. Ist das unverschämt. Jetzt sitz ich hier am Gang. Und er? Keine Spur von Flugangst. Und nebenbei tut er so, als wäre nichts. Du Idiot, sitzt auf meinem Platz und schätzt es nicht. Ich war so verärgert.

Stoooopp!

Stopp. Was mach ich da. Plötzlich bemerkte ich, dass ich mich ärgere. Dass ich im Begriff bin, mir meinen Flug und den Anfang eines tollen Wochenendes zu versauen. Stopp.

Und um genau das geht es in diesen Zeilen. Hör auf dich. Wenn man merkt, dass man sich anfängt über jemanden zu ärgern, den man nicht einmal kennt. Mit dem man nicht ein Wort gewechselt hat und der einem mit Sicherheit nichts getan hat, sollte man sich einmal an der Nase nehmen und mit voller Kraft auf eine Metaposition ziehen. Auf eine Position, in der man die Situation von außen sieht und in der Lage ist, diese wertfrei zu betrachten und in seinem Erwachsenen „Ich“ zu reagieren.

Was ist denn genau passiert? Ich bin mit der Bewertung der Situation auf die Schnauze gefallen. Und meine Bewertung war? Klar, meine Bewertung, und nicht die des Mannes auf meinem Platz. Ich dachte mit den Gedanken meiner Insel. Also mit meiner Prägung und meinen Systemen. Und die haben mit denen des Zeitunglesers meist überhaupt nichts gemein. Ich habe erwartet, dass meine Bewertung richtig ist und ich dem netten Herrn einen Gefallen tue. Und nachdem ich gemerkt habe, dass ich da total falsch lag, schlug das in Ärger um. Und was kann er dafür? Gar nichts. Wenn ich beim Einsteigen, die beiden gebeten hätte mich auf meinen Sitz zu lassen, wären sie sicher und bereitwillig meiner Bitte nachgekommen. Aber das habe ich nicht getan. Also war es meine Entscheidung. Es hat niemand bemerkt, dass ich mich ärgerte, es hat niemand gespürt. Außer ich! Ich habe bemerkt, dass wieder Energie verloren geht. Und wofür. Für nichts.

Meist erzählt man eine solche Geschichte dann jedem der sie nicht hören will. Mit der größten Energie und den intensivsten Emotionen. In den schillerndsten Farben und mit jedem Detail. Und je öfter wir so einen kleinen Vorfall erzählen, umso größer blasen wir ihn auf. Wir möchten ja in unserem Ärger bestätigt werden und von anderen hören, dass der Andere wirklich ein Idiot war. Was wir nicht bedenken ist, dass wir damit unseren Ärger immer wieder und wieder erleben. Dass es uns immer wieder und wieder Lebensenergie frisst und uns in unseren Glaubenssätzen zu negativen Gefühlen bestätigt.

Wenn ihr also wiedermal merkt, dass ihr euch über etwas total aufregt, sagt mal ganz entspannt „Stopp“ zu euch selbst. Nehmt euch gedanklich aus der Situation, seht sie euch von außen an und vergesst solche Emotionen wie, Trotz, Enttäuschung oder Ärger. Versucht einmal in der erwachsensten Haltung die ihr habt, das Geschehene „neu“ zu sehen. Meist werdet ihr bemerken, dass es wieder nur unsere Bewertung war, die uns da ein Bein gestellt hat.

Als ich das für mich bemerkte, musste ich schmunzeln. Mit dem Schmunzeln wich automatisch jede negative Schwingung und ich genoss den restlichen Flug total entspannt. Ich erzählte nach der Landung meiner Tochter davon. Aber nicht von dem „Idioten“, sondern davon, was ich heute auf diesem Flug, wieder gelernt hatte.

Weniger Bewertung und Erwartung macht das Leben so viel leichter.

Und somit,

Lass dein Leben wachsen.

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