Wow, ertappt

Seit einigen Jahren versuche ich in meinem Leben so wertfrei wie möglich zu sein. Handlungen anderer Personen nicht zu bewerten, sondern „dahinter“ zu sehen. Wenn sich jemand außerhalb unserer „normalen Norm“ verhält, versuche ich, so gut es geht, nicht zu urteilen, sondern mir eine Frage zu stellen: Was bewegt ihn zu diesem Verhalten?

Es gibt zahllose Gründe, warum sich ein Mensch anders verhält als wir es von ihm erwarten. Grundsätzlich ist es so, dass jeder von uns ein komplett eigenes Wertesystem hat und nach genau diesen Situationen und Verhalten bewertet. Auf das möchte ich aber heute nicht eingehen. Es kann ein uns unverständliches Verhalten auch ganz simple und einfache Gründe haben. Und wenn man einmal etwas achtsam seine eigenen mit Vorurteilen behafteten Bewertungen ansieht und später dann mehr Informationen erhält, bemerkt man oft, wie falsch man doch gelegen hat. Ich selbst habe das sehr schmerzlich erlebt und mich dabei ertappt, doch nicht so wertfrei zu sein, wie ich es gerne wäre.

Ich habe einen Mitarbeiter, der mir schon seit 12 Jahren bedingungslos die Stange hält. Ein Mann, der in punkto Fleiß, Verlässlichkeit, Treue und Loyalität nicht zu ersetzen ist. Er reißt sich Tag für Tag den Arsch für mich und meinen Betrieb auf. Krankenhausaufenthalte sind für ihn der einzige Grund um nicht zuverlässig und pünktlich zur Arbeit zu kommen. Einen solchen Mitarbeiter werde ich nie wieder bekommen und ich schätze ihn sehr. Er hat bei uns Zuhause beinah schon den Status eines Ziehsohnes. Nun verhält es sich so, dass er seit einigen Jahren eine Freundin hat. Ein sehr nettes Mädchen das ihm gut tut und ihn in seiner Art, sein Leben zu gestalten, zum Positiven beeinflusst hat.

Ich gebe zu bedenken, dass ich das alles natürlich nur von außen gesehen habe.

Ich und mein Mitarbeiter sitzen naturgemäß täglich miteinander im Auto und unterhalten uns auch über unser Leben außerhalb der Arbeit. Er erzählte mir immer wieder, dass seine Freundin ihren Job aufgegeben habe. Entweder gibt sie ihn auf oder findet sehr lange Zeit keinen neuen Arbeitsplatz. Je öfter er mir derartiges erzählte, desto mehr kam in mir der Gedanke auf „was für ein faules Ding“. Ich konnte irgendwann nicht mehr verstehen, warum er sich das bieten lässt, er, der immer arbeitet und mit Händen und Füßen versucht sich ein erfolgreiches Leben aufzubauen. Es kam sogar soweit, dass ich meinen Senf dazu gab und ihn anstachelte etwas an der Situation zu ändern. Er habe das doch nicht verdient, dass nur er für den gesamten Lebensunterhalt aufkommen müsse, sie könne doch auch ihren Teil dazu beitragen. Es stieg in mir sogar eine Art Aggression und Respektlosigkeit ihr gegenüber auf.

Bis zu dem Tag an dem ich folgendes erfuhr.

Sie leidet seit Jahren an Agoraphobie. Viele werden sich nun fragen was das ist. Ich habe auch nicht gewusst, dass es so etwas gibt. Es geht da um das Gegenteil von der uns allen bekannten Klaustrophobie. Sie bekommt Panikzustände bei weiten Orten, Einkaufszentren, Plätzen, Menschenansammlungen und vielem mehr. Auch weite Reisen machen Probleme, alles was weit von Zuhause entfernt ist. Sie macht sich permanent Sorgen, dass etwas passieren könnte, sie nicht schnell genug Hilfe bekommen oder bei Bedrohung nicht schnell genug flüchten könnte. Mein Mitarbeiter erzählte mir zum Beispiel, dass sie, wenn sie in ein Einkaufszentrum geht, immer in Begleitung sein und den Autoschlüssel immer in der Hand halten muss, um das Gefühl zu haben, sie könne sich jederzeit dahin zurückretten. Das bedeutet, dass sie als Verkäuferin in einem Sportgeschäft oder bei einem Lebensmittelhändler permanent in Angst gearbeitet hat. Sie immer versucht hat, ihre Angstzustände zu unterdrücken und im Griff zu haben. Wie verdammt anstrengend muss das sein. Ich glaube, wir, die davon verschont sind, können uns gar nicht vorstellen, wie viel Kraft und Anstrengung es benötigt, dennoch durchzuhalten. Ich war einmal mit meiner Frau und den beiden Essen. Man bemerkte, dass sie extrem nervös war und auf mein Nachfragen räumte sie ein, dass sie in der letzten Stunde sicher fünf Mal darüber nachgedacht hatte, zu gehen. So unwohl fühlte sie sich. Aber sie hielt stand. Auch bei einem Seminar, das ich mit einer Trainer-Kollegin durchführte und sie dazu einlud, gestand sie mir, dass sie einige Male drauf und dran war den Raum zu verlassen.

Als ich von alledem erfuhr, schämte ich mich bis in den Boden.

Ich, der immer geglaubt hat, so wertfrei zu sein, fällt wieder mal über sich selbst. Es wurde mir bewusst, dass je näher mir der Mensch ist, den es betrifft, desto mehr falle ich in mein eigenes Wertesystem zurück. Je weniger mich ein Mensch betrifft, umso leichter fällt es mir, nicht zu bewerten. Aber geht es um Menschen die mir wichtig sind, muss ich noch sehr an mir arbeiten. Ich nehme Menschen wie sie sind, denn jeder hat eine Geschichte hinter sich, die ich meist nicht kenne und jeder hat einen Grund, warum er so ist wie er eben ist. Geht es aber um mir nahestehende Menschen, kommt mein „Eltern-Ich“ zum Vorschein und mein Beschützerinstinkt lässt mich nicht rational reagieren. Dass ich diese Situation so falsch eingeschätzt habe hat sie mir einen so gewaltigen Denkzettel verpasst, dass ich seither immer bewusster auf ein Stopp-Zeichen in meinem Kopf achte. Denn ich bin noch keinen Meter in den Schuhen eines anderen gegangen, allerdings auch noch keiner in meinen. Und immer dann, wenn ich wieder in Versuchung komme, einen anderen zu bewerten, stelle ich mir erst die Frage, welchen Weg er denn schon gegangen sein könnte.

Also, bevor ihr über jemanden urteilt oder ihn bewertet: Denkt nach, denn wir selbst möchten auch nicht von jemanden bewertet werden, der uns nicht kennt.

Und wieder, somit….

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